Kirchgemeinde Rothenkirchen – Wernersgrün und Ev.-Luth. Paul-Gerhardt-Kirchgemeinde Schnarrtanne – Vogelsgrün | Teil 2 – Stoffe im Gottesdienst, Antependien sowie Paramente des Altars und der liturgisch Mitwirkenden

Teil 2 – Stoffe im Gottesdienst, Antependien sowie Paramente des Altars und der liturgisch Mitwirkenden

Wir alle gehen in die Gottesdienste zu verschiedenen Anlässen und zu verschiedenen Zeiten im Jahr. Dabei kennt jeder den ungefähren Ablauf und die Elemente; u.a. Psalm, Kyrie, Gebete, Lieder, Halleluja, Lesungen, Predigt, Segen. Was jedoch off ensichtlich in einem bestimmten Rhythmus wechselt, das sind die Farben der Tücher, mit denen der Altar, die Kanzel, der Taufstein und das Lesepult bedeckt sind. So wie das fortdauernde Feiern der Gottesdienste in unseren Kirchgemeinden eine über Jahrhunderte beibehaltene lutherische Tradition ist, so sind auch die in den Kirchen und Gottesdiensten sichtbaren äußeren Zeichen beibehalten worden. Diese wiederum suchen und fi nden den Anschluss an die Tradition der westlichen allgemeinen Kirche. Deutlich wird das in dem Artikel 24 des Augsburger Bekenntnisses, der grundlegenden lutherischen Bekenntnisschrift, derer Gedenktag Evangelische Christen am 25. Juni feiern: „Man beschuldigt unsere Gemeinden zu unrecht, sie hätten die Messe abgeschafft. Vielmehr haben wir den Messgottesdienst beibehalten und feiern
ihn mit höchster Ehrerbietung. Es werden dabei auch fast alle üblichen heiligen Handlungen eingehalten. Lediglich haben wir hier und da die lateinischen Gesängen mit deutschen ergänzt.“
Mit den sichtbaren äußeren Zeichen, sind zunächst die farbigen Behänge im Kirchenraum, auf dem Altar einerseits und die Kleidung der im Gottesdienst handelnden Personen andererseits, gemeint. Bei näherer Betrachtung offenbart sich dabei nicht nur die Vielfalt, sondern auch die Bedeutung, die uns Antependien und Paramente transportieren. Schon Origenes (Christlicher Gelehrter und Theologe (*185, † um 254)) sagte: „Niemand versteht im Herzen … wenn er nicht offenen Geistes und mit ganzer Aufmerksamkeit dabei ist.“

Antependien

Antependien sind der Altar- und Kanzelbehang sowie der Behang des Taufsteins und des Lesepults. Die Antependien werden entsprechend der liturgischen Farben des Kirchenjahres aufgelegt; weiß, violett, grün, rot und schwarz.

Paramente

Paramente sind die in der Liturgie (altgriechisch leiturgia – öffentlicher Dienst) verwendeten Textilien. Bei den Paramenten wird noch einmal unterteilt in Paramente des Altars und Paramente der Mitwirkenden.

Paramente des Altars

Zu den Paramenten des Altars zählen das Altartuch und die sog. Kelchwäsche, Textilien, die mit dem Heiligen Abendmahl in Verbindung stehen. Auch hier dienen alle Tücher und Stoffe dem Vollzug des Gottesdienstes und geben ihrem traditionellen Gebrauch einen tiefen Sinn. Das Altartuch ist eine weiße, in der Regel aus Leinen gefertigte Tischdecke auf dem Altar; meist mit Spitze besetzt. Es ist ein Zeichen der Ehrfurcht, als auch Schmuck und Schutz des Altars und der liturgischen Geräte. Der Gebrauch des Altartuchs ist seit dem 4. Jahrhundert nachweisbar. Es steht als Sinnbild für die Grabtücher, in die Jesus nach seinem Tod gewickelt wurde.
Die Tücher (Velum), die den Kelch und die Patene (Teller für die Hostien) zudecken, verhindern eine Verunreinigung der Elemente (Hostien und Wein), verhüllen das Heilige und geben während der Feier des Heiligen Abendmahls auf sie den Blick frei.

Paramente der Mitwirkenden

Zum anderen gibt es die Paramente der mitwirkenden Personen; die liturgische Kleidung. Dazu zählen Albe, Talar, Chorhemd, Zingulum, Stola und Kasel u.a. Heilige Gewänder finden sich schon im Alten Testament (2. Mose 28, 4-5). Darauf nimmt auch der traditionelle Gebrauch der Kleidung im Gottesdienst Bezug.
Kleidung hat einen Symbol- und Zeichencharakter; nicht nur hinsichtlich der liturgischen Farben des Kirchenjahres. Hinsichtlich der liturgischen Kleidung darf nicht verkannt werden, dass der Gottesdienst eine Lebensäußerung der gesamten an der Feier beteiligten Gemeinde und keine Funktion des Pfarrers allein ist. Die verschiedenen Gaben der Gläubigen werden vom Herrn in den Dienst genommen. Daher sind auch alle Mitwirkenden berechtigt, liturgische Kleidung zu tragen. Ihre Kleidung erzählt also etwas von der Rolle, die sie wahrnehmen.

Die liturgische Kleidung zählt zu den Adiaphora. Sie sind also nicht schriftinkonform, aber auch nicht heilsnotwendig; ethisch neutral, sie entziehen sich einer Zuordnung als gut oder böse. Martin Luther trug zu den Abendmahlsfeiern Messgewänder, lediglich zur Predigt trug er den schwarzen Rock der damaligen theologischen Universitätsprofessoren. Die Messgewänder für Gottesdienste der Lutherischen Messe (Deutsche oder Evangelische Messe) wurden erst 1811 auf staatliche Anordnung abgeschafft. Bis dahin ist die Nutzung von liturgischer Kleidung – insbesondere von Messgewändern – in unseren Kirchengemeinden in lutherischer Tradition nachweisbar.
Von der liturgischen Kleidung zu unterscheiden ist damit die Dienst- und Amtskleidung der Pfarrer; der schwarze Talar mit weißem Beffchen. Der Talar mit weißem Beffchen wurde durch die staatliche Kabinettsorder vom 20. März 1811 und damit auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. als gottesdienstliche Amts- und Dienstkleidung der Pfarrer eingeführt und ersetzte damit die liturgische Kleidung der Pfarrer im Gottesdienst.
Die grundlegende liturgische Kleidung ist die sog. Chorkleidung, die sowohl vom Pfarrer als auch von den sonstigen Mitwirkenden getragen werden kann. „Chor“ leitet sich bei der Chorkleidung vom sog. Chorraum her, der heute als Altarraum bezeichnet wird. Dort fand früher der Chor zum liturgischen Gesang seinen Platz.

Der (liturgische) Talar ist in seiner Grundform ein knöchellanges Untergewand und gehört zur sog. Chorkleidung. Er ist anliegend, faltenlos und hat enge Ärmel sowie einen Stehkragen. In dieser Funktion ist er auch in der römisch katholischen Kirche als Untergewand in Benutzung.
Der schwarze (Dienst-)Talar der Pfarrer als Dienstkleidung unterscheidet sich davon optisch deutlich: Er ist weitärmelig und schließt am Hals mit einem Umlegekragen ab. Unter einem glatten Bruststück und einem glatten Stück etwa auf Höhe der Schulterblätter fällt der Stoff in Falten. Zum (Dienst)Talar wird im Freien das Barett als Kopfbedeckung getragen.

Aus der Albe, als liturgischem Grundgewand, entwickelte sich das Chorhemd; ebenfalls ein Teil der Chorkleidung.
Das Chorhemd soll, wie die Albe, an die Taufe erinnern. Die Farbe weiß, ist dabei Ausdruck der Freude. Es ist jedoch kürzer, mit weiten Ärmeln, hat einen größeren Halsausschnitt und ist in der Regel aus weißem Leinen gefertigt. Das Chorhemd wird über dem (liturgischen) Talar getragen. In Rothenkirchen und Wernesgrün trug die Kurrende, bzw. der Kinderchor ein Chorhemd über einem Talar. Auch während besonderen Feiern wurde das Chorhemd getragen.

Die Albe (Lateinisch albus – weiß) ist ein weißes, cremefarbenes oder in lichten Grautönen gehaltenes, knöchellanges, liturgisches Unter- oder Grundgewand, das in der Regel von allen Mitwirkenden im Gottesdienst getragen werden kann. Die Albe symbolisiert das Taufkleid und die Reinheit des Herzens. Es nimmt Bezug auf die biblische Lehre vom Priestertum aller Getauften aus dem 1. Petrusbrief 2,9. Zudem dient die Albe der ökumenischen Akzeptanz. Um die Taille kann ein Zingulum – auch in den liturgischen Farben des Kirchenjahres – getragen werden.

Das Zingulum ist ein kordelartiger Gürtel um die Albe. Es gehört damit zum Untergewand, ordnet den Faltenwurf der Albe und kann die Gewandlänge an die Körpergröße anpassen. Es ist meist eine weiße Kordel, wenn aber keine Stola getragen wird, kann es in den liturgischen Farben des Kirchenjahres getragen werden. Es geht auf die biblische Symbolik des Sich-Gürtens zurück und stellt die Bereitschaft im Hinblick auf die Wiederkunft Christi dar. Da es die Albe als Sinnbild der Taufe zusammenhält, drückt es zudem eine Bitte um Bewahrung der Taufgnade aus.

Die Stola ist ein etwa 10cm breiter rund 2,5m langer schalartiger Stoffstreifen in den liturgischen Farben des Kirchenjahres, der beidseitig von den Schultern herabhängt. Sie ist seit dem 4. Jahrhundert nachweisbar und ein Zeichen für den Dienstcharakter des Hirtenamtes; daher den Ordinierten vorbehalten. Sie symbolisiert das Joch Christi, das der Ordinierte bereit ist zu tragen. Die Kombination der Stola allein auf den (Dienst-)Talar (mit Beffchen) und die damit verbundene Symbolsprache ist widersprüchlich, da die liturgische Kleidung mit der Amts-/ Dienstkleidung vermischt wird. Während der schwarze (Dienst-)Talar vor allem den historischen Lehrcharakter betont, hebt die Stola den Aspekt des Feierns hervor. Durch ihre Farbe betont sie darüber hinaus die Farbsymbolik des Kirchenjahres.

Die Kasel ist ein ärmelloses, liturgisches Übergewand in Form eines Überwurfs für den Liturgen in den Farben des Kirchenjahres, der über der Albe und Stola getragen wird. Die geläufige Bezeichnung ist Messgewand. Die Kasel hebt bei der Feier des Heiligen Abendmahls die Präsenz Christi im Handeln des Liturgen hervor. Dieses Kleidungsstück ist auch in Rothenkirchen bis ins 16. und 17. Jahrhundert nachweisbar. Die historische Kasel kann in der Rothenkirchner Kirche angeschaut werden.

Die Nutzung dieser erwähnten vielfältigen liturgischen Kleidung wurde leider durch das Zeitalter der Aufklärung, die philosophische Strömung des Rationalismus und die Reformbewegung des Pietismus aus dem evangelischen (Mess-)Gottesdienst im deutschen Sprachraum verbannt und ließ sie beinahe aussterben. Gleiches geschah mit der Nutzung von Weihrauch und weiterer Zeichen der liturgischen Tradition.
Das Wiederauflebenlassen dieser Nutzung ist lohnenswert und folgt dabei lutherischer Tradition und unserem reformatorischen Erbe. Wenn wir einen Blick über den Tellerrand wagen, entdecken wir diese Vielfalt und Schönheit der liturgischen Formen immer noch bei Skandinavischen Lutheranern, in den lutherischen Kirchen der baltischen Länder und lutherischen Gemeinschaften in den USA usw. Auch in Deutschland hat sich z.B. die SELK (Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche) viele dieser Formen bewahrt.

Das Tragen liturgischer Kleidung und damit die Rückkehr zu liturgischen, genuin lutherischen Traditionen macht die Feier des Gottesdienstes mit allen Sinnen erlebbar. Der Gottesdienst bekommt hierdurch Weite und Tiefe.
Um einen schönen und würdigen Gottesdienst feiern zu können, müssen wir also das Rad nicht neu erfinden. Wir müssen nur daran drehen.